Leszek Jodliński
Direktor des Museums Gliwice
Gestern
Die Theatergeschichte
Die bewegte Geschichte der Victoria
Die Ruinen des Victoria-Theaters in Gliwice sind ein außergewöhnliches Zeugnis der vielschichtigen Stadtgeschichte – von ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert als Teil eines modernen Handels- und Unterhaltungskomplexes über die Jahre der Blüte und regen künstlerischen Tätigkeit, die Zerstörungen des Krieges und die Vernachlässigung der Nachkriegszeit bis hin zu den heutigen Versuchen, diesen Ort wiederzubeleben. Die einst belebten Innenräume fungieren heute als Kulturraum, in dem sich die Vergangenheit mit neuen Initiativen verflicht. Der folgende Text präsentiert die vollständige, chronologische Erzählung darüber, wie sich das Theater gemeinsam mit der Stadt und ihren Bewohnern wandelte.
Die 1890er Jahre
Die Entstehung des Victoria-Komplexes
In den 1890er Jahren errichtete Julius Leppich gemeinsam mit der „Victoria“-Gesellschaft an der Wilhelmstraße (heute Zwycięstwa-Straße) einen modernen Handels- und Unterhaltungskomplex nach einem Entwurf des Architekturbüros „Zimmermann und Wache“. Das Mietshaus mit der Nummer 28 beherbergte im Erdgeschoss eine Ladenpassage sowie das populäre Kino „Grand“, während sich im Untergeschoss eine städtische Badeanstalt und ein Schwimmbad befanden. Im Gebäude waren zudem eine private Musikschule, ein Hotel, ein Restaurant sowie ein Fotoatelier untergebracht.
1896
Ausbau und Entstehung des Theaters
Im Jahr 1896 wurde der Komplex entlang der Promenade am Wilde-Klodnitz-Kanal (heute Aleja Przyjaźni) erweitert. Im neuen Teil entstand das Stadttheater Victoria mit einem Zuschauerraum für 1.100 Personen. Der Theatersaal war zweigeschossig und von halbkreisförmig angeordneten Logen umgeben. In der Nachbarschaft wurden eine Requisitenkammer mit einer florierenden Theaterwerkstatt sowie eine sogenannte Sommerbühne errichtet. Begleitet wurden sie von einem skulpturenreichen Garten mit Springbrunnen und schattigen Veranden. Ursprünglich trug das gesamte Objekt den Namen „Cristal-Palast“, ab 1898 firmierte es als „Hotel und Café Victoria“. Das Theater selbst war ab 1901 als „Stadttheater“ bekannt.







1901–1924
Kontroversielle Architektur und erste Modernisierungen
Schon von Beginn an rief das Gebäude Kontroversen hervor. Kritisiert wurde vor allem die Lage – obwohl es direkt an der Wilhelmstraße (Zwycięstwa-Straße heutzutage) lag, war es aus deren Perspektive kaum sichtbar und besaß keinen repräsentativen Eingang. Die Zuschauer betraten das Haus durch den Hinterhof, was als unwürdig empfunden wurde. Der Saal war schwach beleuchtet, die Sessel unbequem und die Garderobe arbeitete ineffizient. Dennoch erntete die hervorragende Akustik allgemeine Anerkennung und wurde scherzhaft als „Zufallsprodukt“ bezeichnet.
Bereits zwei Jahre nach der Eröffnung begannen die ersten Modernisierungen, und 1910 wurde das Theater erneut renoviert – man verlieh den Innenräumen ein „neues, festliches Aussehen“.
Zu größeren Veränderungen kam es im Jahr 1924, als Karl Schabik einen gründlichen Umbau durchführte. Das umliegende Gelände wurde geordnet, zur Promenade hin wurde eine repräsentative Eingangstreppe hinzugefügt, und die Garderoben sowie Umkleideräume wurden vergrößert.
Im umgebauten Flur wurde ein Café mit Terrasse eingerichtet, im Zuschauerraum wurden 900 bequeme Ledersessel montiert, und die Bühne erhielt eine neue halbrunde Form sowie eine Drehfunktion. Die Änderungen stießen sowohl beim Publikum als auch in der Presse auf Begeisterung – Gliwice gewann ein Theater, das den Standards einer Großstadt entsprach.
Anfang des 20. Jahrhunderts
Das Drei-Städte-Theater und die künstlerische Tätigkeit
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand das Drei-Städte-Theater – ein Gemeinschaftsprojekt von Beuthen (Bytom), Gleiwitz (Gliwice) und Kattowitz (Katowice), in dessen Rahmen klassische Werke des europäischen Repertoires aufgeführt wurden. Renommierte Theaterensembles aus Deutschland und ganz Europa gastierten in Gleiwitz (Gliwice). Während des Ersten Weltkriegs wurde das Gebäude in ein Lazarett umgewandelt. Erst Mitte 1916 erhielt es seine Theaterfunktion zurück, und nach Kriegsende wurden auch Aufführungen in polnischer Sprache zugelassen.
Im Jahr 1924 wurde das Drei-Städte-Theater erneut ins Leben gerufen, diesmal innerhalb des deutschen Teils der Region: Gleiwitz (Gliwice), Hindenburg (Zabrze) und Beuthen (Bytom). Jede Stadt verfügte über eigenes technisches Personal und eigene Bühnenbilder. In Gleiwitz (Gliwice) war das Operettenensemble ansässig – mit Schauspielern, Chor und Orchester. Das Repertoire vereinte anspruchsvolle Dramen, Opern und Operetten und bediente sowohl künstlerische als auch politische Erwartungen. Trotz organisatorischer Schwierigkeiten bestand das Projekt fort – ab 1927 als Oberschlesisches Landestheater bis ins Jahr 1943.
Die NS-Zeit und die Entstehung des Oberschlesischen Schauspielhauses
Mitte der 1930er Jahre, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, hielt eine neue Ordnung Einzug im Theater: Die bisherigen Direktoren wurden entlassen, Personen nicht-arischer Abstammung entfernt und die Schauspieler einer strengen Überprüfung unterzogen. Dennoch blieb der Theaterbetrieb aufrecht, und Künstler aus ganz Deutschland traten auch während der Kriegsjahre gerne hier auf.
1943 rief Gauleiter Bracht das Oberschlesische Schauspiel ins Leben – ein Vorzeigetheater für die gesamte Region. Die Leitung übernahm der aus Neisse (Nysa) stammende Curt Hurrle. Das Projekt erhielt beträchtliche Fördermittel, was den Neid anderer Institutionen weckte, die unter kriegsbedingten Mangelerscheinungen litten. Holz-, Eisen-, Seiden- und Brokatlieferungen wurden nach Gleiwitz (Gliwice) umgeleitet. An den Arbeiten beteiligten sich die Berliner Architekten Bartels und Schweitzer sowie Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.
Der neue Saal bestach durch eine Innenausstattung von Erna Hitzberger, insbesondere durch den von Stickerinnen aus Schönwald handgefertigten Vorhang mit Pflanzen- und Tiermotiven. Ein vergoldeter, schmiedeeiserner Kronleuchter sowie ein prachtvolles Deckenrelief von Fritz Müller-Kamphausen zogen die Blicke auf sich. Die Wände waren in Rot-Gold-Tönen gehalten, und die Foyers wurden durch Werke Gleiwitzer Künstler geschmückt, darunter eine Eichendorff-Büste von Peter Lipp sowie eine Skulptur von Ostermayer.
Trotz des immensen Aufwands blieb das Oberschlesische Schauspiel nur eine Saison in Betrieb – im August 1944 wurden alle deutschen Theater geschlossen.



1945
Die Zerstörung des Theaters
Im März 1945 marschierten Soldaten der Roten Armee in Gleiwitz ein und veranstalteten im Theater ein Gelage. Im Inneren entfachte Feuer führten zur Zerstörung des Interieurs und der Decke; der berühmte Vorhang wurde zu Decken zerschnitten. Das Feuer vernichtete nicht den gesamten Komplex, da es durch eine Brandschutzmauer nicht in die Verwaltungsräume vordringen konnte. Die schwersten Verluste erlitt jedoch der zentrale Teil: der Zuschauerraum, die Bühne und das Foyer.
Damit endete die Geschichte des Stadttheaters.

Nachkriegsdegradation
Nach dem Krieg wurde das Theater nicht wiederaufgebaut – die neue Bühne wurde in die Nowy Świat-Straße verlegt, und das alte Gebäude blieb sich selbst überlassen. Ein Großteil der heutigen Zerstörungen ist das Ergebnis jahrzehntelanger Vernachlässigung. Das Dach wurde provisorisch durch eine Bretterdecke und eine Stahlbetonplatte gesichert, was zu Bodensenkungen, Verformungen der Konstruktion und Schäden an den Balkonen führte.
Bis in die 1970er Jahre war in den Kellerräumen noch die städtische Badeanstalt in Betrieb, während der Theatersaal als Baulager diente. 1967 übernahm der Sportklub Piast Gliwice einen Teil des Gebäudes. Die Fassade des ehemaligen Foyers wurde ihres Schmucks beraubt, die Eingangstreppe und das Geländer wurden abgerissen. In den folgenden Jahren gab es verschiedene Konzepte für die Nutzung des Objekts – unter anderem als Kino, Filiale der Nationalbank oder Casino mit Kabarett, kein Entwurf wurde jedoch realisiert.
Wiedergeburt der Theaterruinen
Erst in den 1990er Jahren ergriff Ewa Strzelczyk die Initiative zur Rettung der Ruinen des Victoria-Theaters, unterstützt durch die von ihr gegründete Stiftung für den Wiederaufbau des Stadttheaters. Das Gebäude wurde gereinigt und gesichert, die Bühne rekonstruiert, neue Fenster und Türen eingebaut, Ton- und Lichtanlagen installiert sowie ein neuer Eingang geschaffen (da sich der Vorkriegseingang in dem vom Sportclub Piast genutzten Gebäudeteil befand).
1996
Im Mai 1996 – nach über 50 Jahren – kehrte die Kunst in die Ruinen zurück: Es wurden wieder Theaterstücke aufgeführt und zahlreiche Konzerte veranstaltet. Nach Jahren des Schweigens und Vergessens füllten sich die Ruinen des Theaters erneut mit Klang, Licht und der Leben durch die Präsenz des Publikums.
Der tragische Tod von Ewa Strzelczyk bei einer Seilbahnkatastrophe in den italienischen Dolomiten unterbrach diese Etappe der Arbeiten. Die Fortführung der Stiftungsaktivitäten führte das Theater an einen Punkt, an dem die weitere Entwicklung erhebliche Mittel erforderte. Daher wurde die Übernahme des Objekts durch die Stadt vorgeschlagen, was den Weg für EU-Fördermittel ebnete.
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Das Bewusstsein, dass diese Mauern zum ersten Mal seit fünfzig Jahren den Applaus des Publikums hörten, erfüllt uns mit Rührung und der Überzeugung, dass dieses Theater zum Leben erwachen wird, dass die Kunst hier dauerhaft Einzug halten wird.– Ewa Strzelczyk
Im Januar 2005 übernahm das Musiktheater Gliwice (Gliwicki Teatr Muzyczny) die Verwaltung der Ruinen. Seitdem entwickelte sich der Ort zu einem Raum für kulturelle Veranstaltungen wie elektrONarracje oder Jazz in den Ruinen (Jazz w Ruinach). Künstler und Publikum verliebten sich schnell in dieses außergewöhnliche Objekt – Krystyna Janda erinnerte sich an ihren ersten Besuch, bei dem sie die Ruinen voller Begeisterung fotografierte.
2021
Im Jahr 2021 übernahm das Kulturzentrum Victoria (Centrum Kultury Victoria) in Gliwice die programmgestalterische Betreuung der Ruinen des Victoria-Theaters. Es belebt diesen einzigartigen Ort durch zahlreiche künstlerische, soziale und bildungsorientierte Veranstaltungen.

Heute
Erleben Sie, wie die Ruinen des Victoria-Theaters zum kulturellen Herzen von Gliwice wurden – ein Ort der Begegnung und Inspiration.
Die Victoria lädt Sie ein













